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Ferry Heilemann

Impact Investor und Mitgründer von Leaders for Climate Action

Im Jahr 2020 wurde mir für meine Laufbahn als Unternehmer und Investor der Titel „Gründer des Jahres“ verliehen. Und im Juni 2021 überschritt das von mir mitgegründete und bis vor einem Jahr als CEO geführte Logistikunternehmen Forto mit seinem Firmenwert die Marke von einer Milliarde US-Dollar und wurde so zum „Einhorn“. Man kann also sagen, ich stehe im Zentrum unseres kapitalistischen Systems. Dennoch bin ich mittlerweile davon überzeugt, dass der Finanzkapitalismus als „Betriebssystem“ für unsere Gesellschaft ausgedient hat.


Mein Weg zu dieser Erkenntnis startete mit einem Neujahrsvorsatz im Jahr 2015: Ich wollte versuchen, mich vegetarisch zu ernähren. Je mehr ich mich mit meinem persönlichen ökologischen Fußabdruck beschäftigte, desto mehr wuchs auch mein Verständnis für die wissenschaftliche Faktenlage zur Klimakrise. Schnell wurde mir klar, dass ich mehr tun musste, als mein eigenes Verhalten zu ändern: Ich begann die Emissionen meiner Firmen zu messen und zu verringern. Gemeinsam mit ein paar befreundeten Unternehmern gründete ich 2019 die „Leaders for Climate Action“ (LFCA), um unsere Industrie durch konkrete Schritte nachhaltiger zu machen. Unternehmen, die der LFCA beitreten, müssen ihren genauen CO2-Fußabdruck ermitteln und sich dazu verpflichten, ihre Prozesse und Geschäftsmodelle anzupassen, um ihre Emissionen zu minimieren. Da dies ein langfristiger Vorgang ist, kompensieren die Mitglieder all ihre übrigen Emissionen durch hochwertige Projekte zum Klimaschutz. LFCA hat mittlerweile mehr als 1.400 Mitglieder in mehr als 20 Ländern.

Um noch mehr Unternehmern das nötige Verständnis der Klimakrise und konkrete Schritte zu vermitteln, habe ich das Buch „Climate Action Guide“ geschrieben.


Wir müssen immense Investitionen mobilisieren, um konkrete Schritte zur CO2-Reduktion umzusetzen und die Märkte von morgen zu schaffen. Aufbauend auf der LFCA-Herangehensweise haben wir eine Klausel für Nachhaltigkeit entwickelt, auf deren Prinzipien Venture Capital-Investoren ihre Portfolio-Unternehmen verpflichten können. Mehr als 50 Fonds, die aktuell rund sechs Milliarden Euro investieren, nutzen diese Klausel bereits.


Dabei geht es nicht nur darum, das Richtige für die Umwelt und unsere Zukunft zu tun, sondern um die Grundvoraussetzungen für langfristigen wirtschaftlichen Erfolg. Die Wissenschaft zeigt uns deutlich, dass die Kosten für Klimaschutz geringer sind als die Schäden durch den Klimawandel. Dazu kommt: Immer mehr Arbeitnehmer wünschen sich einen Arbeitgeber, der sich für Klimaschutz einsetzt, und sind diesem gegenüber loyaler. Auch eine wachsende Mehrheit der Kunden bezieht bei Kaufentscheidungen ökosoziale Aspekte ein und ist unter anderem bereit, mehr Geld für klimaneutrale Produkte zu zahlen. Unternehmen, die den Wandel zu nachhaltigen Geschäftsmodellen proaktiv gestalten, haben die Chance, vom globalen Megatrend Klimaschutz zu profitieren. Wer zögert, droht dagegen abgehängt zu werden. Deshalb investiere ich mein Geld nur in Technologieunternehmen, deren klare Intention es ist, zur Lösung der Klimakrise oder gesellschaftlicher Probleme beizutragen. Fonds mit einem solchen Fokus auf „Impact“ machen derzeit nur 0,5 Prozent der globalen Investitionen aus, doch sie wachsen schnell. Im vergangenen Jahrzehnt haben Wagniskapitalfonds mit einer auf „Impact“ ausgerichteten Strategie regelmäßig Erträge im top Quartil vergleichbarer „Nicht-Impact“-Fonds erzielt.


Heutzutage basieren die Profite vieler Unternehmen darauf, dass Externalitäten nicht eingepreist werden. Diese versteckten Subventionen können jedoch dauerhaft keinen Bestand haben. Geschäftsmodelle ohne ausreichende Bezugnahme auf Externalitäten können wir uns auf Dauer nicht leisten; dies signalisieren inzwischen auch Großinvestoren, Zentralbanken und Politiker. Kostenwahrheit führt dazu, dass extraktive Modelle an Rentabilität einbüßen, während Firmen mit einem Fokus auf Impact zur neuen Normalität werden.


Der nachhaltige Wandel muss in einem größeren politischen und ökonomischen Rahmen eingebettet sein. Der Finanzkapitalismus, wie wir ihn kennen, hat das nie geleistet und kann es nicht leisten. Denn er optimiert um jeden Preis auf eine einzige Kennzahl: kurzfristige finanzielle Rendite. Als „Betriebssystem” unserer Wirtschaft und unserer Gesellschaft hat er daher endgültig ausgedient. Stattdessen brauchen wir einen Impact-Kapitalismus, der das Erreichen gesellschaftlicher Ziele fördert, indem er die Interessen von Mensch, Planet und Wirtschaft in Einklang bringt (People, Planet, Profit). Nur so können wir das Potenzial der Unternehmer*innen nutzen, um unsere Zivilisation und auch unseren Wohlstand nachhaltig zu sichern.