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Jan-Hendrik Goldbeck

Geschäftsführender Gesellschafter GOLDBECK GmbH

Gebäude sind das Rückgrat unserer modernen Volkswirtschaft, denn modernes Leben und Wirtschaften ist in unseren Breitengraden ohne schützende Hüllen und ohne die richtigen räumlichen Voraussetzungen nicht denkbar. Die Unternehmen der Planungs-, Bau- und Gebäudebetriebsindustrien schaffen diese Voraussetzungen mit Infrastrukturprojekten und Gebäuden für Menschen, für Mobilität und für Güter. 

 

Doch die Realisierung der notwendigen Gebäude und Objekte verbraucht erhebliche Ressourcen. Derzeit gehen 40 Prozent des europäischen Energieverbrauchs und 36 Prozent der Treibhausgasemissionen auf das Konto von Gebäuden – vom Bau über den Betrieb bis hin zum Abriss. Um die Emissionsintensität und den Energieverbrauch zu senken, muss Nachhaltigkeit über den gesamten Lebenszyklus einer Immobilie gedacht werden. Doch das ist eine Herausforderung: In der Baubranche wird immer noch häufig sequenziell gearbeitet; Planung, Bau und Nutzung von Gebäuden werden nicht exakt aufeinander abgestimmt. Natürlich kann man beim Bauen jedes einzelne Gewerk auf seine Nachhaltigkeit und alle verwendeten Materialien auf ihre Ökobilanz hin überprüfen. Doch bei einem zukunftsfähigen nachhaltigen Gebäude muss das Ganze mehr sein als die Summe seiner Einzelteile – das Optimum
wird erst im perfekten Zusammenspiel erreicht und nur dann, wenn auch die Betriebsphase und das Recycling mitgedacht werden.


Daher verstehen wir Gebäude als komplexe Produkt-ServiceÖkosysteme, die wir für unsere Kundinnen und Kunden aus einer Hand realisieren: vom Design über den Bau bis hin zu Serviceleistungen während des Betriebs und der Kompetenz zur Ertüchtigung und Sanierung. Dadurch können wir nicht nur Ineffizienzen im komplexen Zusammenspiel der Bauprozesse minimieren, sondern Gebäude über ihren gesamten Lebenszyklus auf Nachhaltigkeit ausrichten. Der sparsame Einsatz von Ressourcen ist ein Grundsatz unserer Philosophie. Wir bauen mit industriell vorgefertigten Systemelementen. So können wir den Ressourcenverbrauch und die CO2-Emissionen im Vergleich zu konventionellen Bauweisen erheblich reduzieren. Wo immer sinnvoll nutzen wir Recyclingmaterialien – zum Beispiel 90 Prozent Sekundärstahl – und erproben den Einsatz alternativer Baumaterialien wie Carbon-

beton. Auch die Verwendung von Holz kann ein Element zur CO2-Reduktion sein, muss jedoch immer im Kontext der Lebenszykluseffizienz betrachtet werden.


Gebäude werden über Jahrzehnte genutzt. Daher gilt es, sie von Anfang an auf Langlebigkeit und bestmögliche Funktionalität auszurichten. Um wechselnde Bedürfnisse abzudecken, müssen Bausysteme viel Flexibilität für Umbauten ermöglichen. Für einen möglichen Rückbau ist eine digitale Dokumentation aller Details wichtig. Zudem müssen schon Auswahl, Verarbeitung und die Verbindung der Materialien darauf ausgelegt sein, dass Baustoffe
möglichst einfach getrennt und somit wiederverwendet, verwertet oder entsorgt werden können. 

 

Der Weg der Baubranche hin zu einer nachhaltigen und klimagerechten Zukunft ist noch weit. Zunächst gilt es vor Baubeginn die richtigen Anreize zu setzen. Derzeit ist es für unsere Kundinnen und Kunden meist wesentlich teurer, bereits bebaute Flächen neu zu entwickeln, als naturbelassene Flächen zu erschließen. Gesellschaftlich wünschenswert ist es jedoch, die Bebauung neuer Flächen wo möglich zu minimieren. Um die Nachhaltigkeit der Bauindustrie und den Erhalt natürlicher Ökosysteme zu stärken, wären Anreize für das Revitalisieren bereits erschlossener Flächen angebracht (z.B. Abschreibungskriterien).


Wenn es in die Planung geht, sollte die Bauindustrie in die Pflicht genommen werden, die gesamte Lebensdauer des Gebäudes, inklusive des möglichst materialeffizienten Rückbaus, mitzudenken. Daher unterstützen wir Regelungen, die eine höhere Transparenz am Bau sicherstellen – sowohl im Hinblick auf die verbauten Materialien und deren  Verbindungen als auch die Nachhaltigkeit im Betrieb (z.B. Energieeffizienz). Um das systemische Denken im Bau zu fördern und damit Effizienzen zu heben, sollten Ausschreibungen Kriterien wie Treibhausgasemissionen und Materialeffizienz über die gesamte Lebensdauer berücksichtigen (Stichwort „cradle-to-cradle“). Ökonomie und Ökologie müssen von der öffentlichen Hand gemeinschaftlich gedacht werden – dort wo durch effiziente Bauweisen ökonomische Vorteile geschaffen werden können (z.B. geringere Bau- oder Betriebskosten), die an anderer Stelle ökologisch sinnhafter eingesetzt werden können (z.B. Investitionen in neue Grünanlagen), gilt es die ökologische
Gesamtbilanz zu berücksichtigen.


Dabei muss darauf geachtet werden, dass regulatorische Lösungen stets auf einem spezifischen Verständnis des relevanten Kontextes basieren und die zu lösenden Herausforderungen zielgerichtet adressieren. In einigen Bereichen mangelt es noch an der Wettbewerbsfähigkeit von nachhaltigen Alternativen (z.B. Verfügbarkeit
und Kosten von grünem Stahl), sodass gezielte Förderung sinnvoll sein kann (z.B. Investitionen, Reallabore). In anderen Bereichen gibt es technologisch und ökonomisch vergleichbare Alternativen, die jedoch durch regulatorische Barrieren gebremst werden (z.B. bei alternativen Dämmstoffen oder nachhaltigerem Beton), welche
es möglichst abzubauen gilt. Pauschallösungen, die zum Beispiel nur bestimmte Materialien vorschreiben, sollten dabei tunlichst vermieden werden, da diese oft nicht zum nachhaltigsten Ergebnis führen und Fortschritt hemmen können. Stattdessen eröffnet eine Betrachtung über den Lebenszyklus und ein detailliertes Verständnis der Marktdynamik die Möglichkeit von vermeintlich simplen Lösungen weiterzudenken.