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Josef Sanktjohanser

Ehem. Vorstandsmitglied der Rewe Group und Präsident des Handelsverband Deutschland

Klima- und Umweltschutz, Ressourcenverbrauch sowie globale Verteilungs- und Generationengerechtigkeit stellen das heutige Wohlstandsmodell der entwickelten Volkswirtschaften vor neue politische und marktwirtschaftliche Herausforderungen. Die gegenwärtigen Krisenszenarien verlangen ganzheitlich ausgerichtete Lösungsansätze. In der kritischen Debatte um die rein ökonomische Betrachtung von Wohlstand werden die Grenzen der Zukunftsfähigkeit des wirtschaftlichen Verhaltens in seiner herkömmlichen Form und Definition offenbar. 

Als Unternehmer, langjähriger REWE-Group Vorstand und Präsident des Handelsverband Deutschland (HDE) ist mir die Bedeutung des Handels in der aktuellen Transformationsphase von Wirtschaft und Gesellschaft bewusst. Ohne Zweifel spielt die Ernährungswirtschaft hier eine systemische Rolle und der Lebensmitteleinzelhandel als Nahtstelle zum Verbraucher eine besondere. Er ist maßgeblicher Teil einer komplexen globalen Wertschöpfungskette aus Erzeugern, Produzenten, Lieferanten und Endverbrauchern. Mit seinem Einfluss ist er ein wichtiger systemischer Partner für Klimaschutz, Biodiversitätsschutz, mehr Regionalität, Fair Trade, nachhaltige Ernährung, Abfallvermeidung und Ressourcenschonung. Nicht zuletzt wirkt er durch seine vertriebliche Positionierung und sein Werbeverhalten unmittelbar auf die Konsumentscheidungen. Die Forderung nach moralisch ethischem und ökologischem Konsum besitzt bereits im politischen und öffentlichen Raum einen hohen Stellenwert, ebenso die Debatte um faire und gerechte Preise.   

Der Einzelhandel ist durch einen vergleichsweisen besonders intensiven Wettbewerb auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene geprägt. Hier benötigt es eine Zusammenarbeit zwischen der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, mehr Kooperation zwischen den Wirtschaftsteilnehmern sowie mehr ordnungspolitische Leitplanken einer lernenden und zukunftsorientierten Regierung, um eine systembasierte Transformation zu ermöglichen. 

Die Wirkung und Effizienz staatlicher Lenkung versus marktwirtschaftlicher Selbstregulierung steht dabei als ewig junge kardinale Kernfrage am Beginn der Suche nach optimalen Lösungen. Allgemein gilt, dass eine Wende nur herbeigeführt werden kann, wenn die Politik den klaren Gesetzesrahmen schafft und die Regierung den Vollzug sicherstellt. Umgekehrt wird die Wende nur gelingen, wenn Bürger, Unternehmen und zivilgesellschaftliche Institutionen ihre Innovationskraft, ihr Know-how und ihre Wissenschaftsleistungen dialog- und technologieoffen entfalten können. Beispielhaft zeigen die unzureichenden Erfolge der europäischen Agrarpolitik und Reformen für verbesserte Umwelt- und Tierwohlstandards auf, dass die Landwirte in einem finanziellen Dilemma stecken. Die staatlichen Subventionen für die notwendigen Investitionen in die Agrarwende sind nicht ausreichend und es fehlen marktwirtschaftliche Signale wie angemessene Marktpreise, um die neuen Produkte wettbewerbsfähig zu machen. Dies ist ein generationenübergreifendes Projekt und kann nur gelingen, wenn die Politik, die Unternehmen und zivilgesellschaftlichen Institutionen  zusammen agieren und staatliche Regulierung und marktwirtschaftliche Prozesse zusammenführen, wie von der Zukunftskommission Landwirtschaft letztes Jahr gefordert. In ihrem Bericht geben sie konkrete Empfehlung, um die Transformationsprozess langfristig zu einer volkswirtschaftlich positiven Gesamtbilanz zu führen, welche auch eine umfassende finanzielle Begleitung des Sektors beabsichtigt. Jedoch geht es nun an die Umsetzung, welche sich oft als schwierig beweist.  

Als konkretes Beispiel ist das Ergebnis der Borchert-Kommission zur Förderung des Tierschutzes in landwirtschaftlichen Betrieben zu nennen. Über die Ziele besteht breiter Konsens, jedoch ist die Finanzierungsfrage ungelöst. Staatliche Subventionen allein werden die Wende nicht herbeiführen können. Also müssen höhere Tierwohlstandards über Marktpreise am Ende von den Konsumentinnen und Konsumenten mitfinanziert werden. Dabei ist die soziale Dimension zwingend mitzudenken, denn die Transformation in ein nachhaltigeres Ernährungsverhalten darf kein Eliteprojekt werden. Unter diesem sozialkritischen Aspekt würden uns diese Bestrebungen in eine unerwünschte Sackgasse führen.  

Der Lebensmitteleinzelhandel sucht bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten auf Unternehmensebene und über Gemeinschaftsprojekte wie die Initiative Tierwohl (ITW) seit 2015 nach Marktlösungen in dieser Nachhaltigkeits-Thematik. Die großen im HDE organisierten Händler treten mit fortschreitender Vertikalisierung auch als Produzenten auf und generell als Inverkehrbringer setzt der Handel verstärkt auf Regionalität, artgerechte Tierhaltung und faire Produktionsbedingungen. Dieser Trend entwickelt sich aktuell aus der Wechselwirkung von Kundenwünschen und Angebotsverhalten dynamisch weiter. Daher gewinnen Angebots- und Werbeverhalten, Kennzeichnung von Herkunft und Inhalten oder generell Transparenz und Kundenkommunikation immer größere Bedeutung, um die Konsumentinnen und Konsumenten zu einer informierten Entscheidung zu befähigen und somit den Markt langfristig in Richtung Nachhaltigkeit zu bewegen.  

Die neue Regierung verspricht eine Förderung der Entwicklung von Kriterien für einen ökologischen Fußabdruck von Lebensmitteln. Diese Absicht zielt darauf ab, dass bei der Herstellung und dem Verkauf von Produkten in Zukunft externe Wirkungen aus dem Ressourceneinsatz mitberücksichtigt werden. Dazu hat die REWE-Discounttochter Penny den ersten Schritt zu „True Cost Accounting“ gewagt und neben den normalen Ladenpreisen der Lebensmittel deutlich höhere, sogenannte „wahre Verkaufspreise“ deklariert. Das Unternehmen hat nach eigenem Bekunden damit eine Bewusstseins-Kampagne gestartet, um gegenüber dem Kunden extern verursachte Kosten wie landwirtschaftliche Emissionen, Energieverbrauch, Landnutzungsänderungen, Schadstoff- und Pestizidbelastungen kenntlich zu machen.    

Dieses Beispiel zeigt das Streben nach neuen Formen von Rechnungslegung, die in der Wissenschaft und Politik bereits vielfach diskutiert werden, in der Praxis jedoch bisher nur rudimentär Verbreitung gefunden haben. Der Grund liegt in den äußerst komplexen Accounting-Verfahren, die sich aus der Vielzahl von Kriterien und Parametern gerade bei zusammengesetzten Lebensmitteln ergeben. Als ein sinnvoller erster Schritt könnte daher der Fokus auf den Klimaschutz (Paris-aligned Accounting) gelegt werden. Weitergehend kann darauf eine umfassende Einbeziehung von kritischen ökologischen Aspekten, wie Biodiversität (Planetary Boundary Accounting) erfolgen.  

Als Präsident des Handelsverband Deutschland vertrete ich auch den Handel anderer Rohstoffe wie zum Beispiel Holz. Nach dem zweiten Weltkrieg lag es für die Forstwirtschaft nahe und wurde folgerichtig vom Gesetzgeber verlangt, für den Wiederaufbau schnell wachsende Fichten anzupflanzen. Die daraus entstandenen Wälder sind den Auswirkungen des Klimawandels nicht gewappnet. Aus Lektionen wie diesen müssen wir lernen und langfristige Instrumente für die Regeneration unserer natürlichen Ökosysteme schaffen. Wir benötigen eine nachhaltige Bewirtschaftung von Wald, um die Klima-Resilienz- und Biodiversität zu stärken und die Kapazität zur CO²-Speicherung zu sichern. Hierfür plant die neue Regierung die Einführung einer Honorierung der Ökosystemleistungen, die die Waldbesitzer erbringen. Dieser Schritt muss auf alle Landbewirtschafter, die sich für ökologische Verbesserungen einsetzen, ausgeweitet werden. Deshalb braucht es sektorübergreifende Rahmenbedingungen wie Messsysteme, Handelsplätze und Standards, damit sich neue Märkte für Negativemissionen oder Ökosystemleistungen erfolgreich etablieren können. 

Der Koalitionsvertrag zeigt Mut für eine auf Ökologie ausgerichtete Wirtschaftspolitik und die Regierung vermittelt die Bereitschaft zur Unterstützung der Akteure, die in dem Veränderungsprozess höhere Lasten zu tragen haben. Dazu zählt in der Ernährungswirtschaft insbesondere die Land- und Forstwirtschaft. 

Nun geht es an die Umsetzung der Pläne. Zusammen mit anderen Entscheidungsträgern aus verschiedenen Wirtschaftsbereichen möchte ich mein Fachwissen einbringen und einen multidisziplinären Austausch mit der Wissenschaft und Politik vorantreiben. Der Handel erkennt die Notwendigkeit für die Umstellung auf eine klimaneutrale Wirtschaft. Mit dieser Perspektive wird er treibende Kraft sein, entschlossen große Projekte in der Realität umzusetzen.