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Marie Langer

Vorsitzende der Geschäftsführung (CEO) der EOS GmbH

Die Fabrik der Zukunft ist vollständig vernetzt und digitalisiert, Maschinen kommunizieren miteinander, Prozesse werden automatisiert und optimiert. Produktion wird flexibler, ressourcenschonender und resilienter und hilft so dabei, Deutschlands Zukunft als führende Industrienation zu sichern. Ein zentraler Baustein dieser Industriewende sind additive Fertigungsprozesse wie der 3D-Druck. Bei EOS haben wir über 30 Jahre Erfahrung mit der Entwicklung dieser Technologie und treiben als einer der Pioniere mit anderen Firmen des deutschen Mittelstands ihren industriellen Einsatz voran.

Additive Herstellungsverfahren ermöglichen es, komplexe Bauteile als digitale 3D-Modelle zu designen und aus Metall oder Kunststoff ohne lange Vorlaufzeiten lokal herzustellen. Im Vergleich zu herkömmlichen (subtraktiven) Verfahren (z.B. Fräsen) entsteht dabei kaum Abfall, da nur das Material verwendet wird, das für das fertige Produkt notwendig ist. Eine solche ressourcensparende, lokale und bedarfsgerechte Produktion verringert Risiken, Kosten und Emissionen. Zudem lassen sich mit 3D-Druck nicht nur besonders leichte und robuste Bauteile herstellen, sondern auch Ansätze zur Verlängerung der Lebensdauer von Produkten, etwa das Recht auf Reparatur, einfacher umsetzen. All dies dient der Nachhaltigkeit. 

 

Neben der ökologischen ist mir aber auch die ökonomische Dimension von Nachhaltigkeit wichtig: Wie wir während der COVID-19-Pandemie sehen konnten, sind unsere globalen „Just-in-Time“-Lieferketten zunehmend fragil. Der industrielle 3D-Druck ist darauf die perfekte Antwort. Denn er ist sehr flexibel und weitgehend unabhängig von internationalen Wertschöpfungsketten. So konnten zum Beispiel mithilfe von 3D-Druck Masken und Komponenten für Corona-Test Kits sofort und vor Ort hergestellt werden. Die Technologie ermöglicht es, strategische Fertigungskapazitäten (nicht nur) in systemrelevanten Bereichen vor Ort aufzubauen und so unsere wirtschaftliche und gesellschaftliche Resilienz zu erhöhen und vulnerable Abhängigkeiten zu reduzieren.


Additive Fertigungstechnologien sind also für die Nachhaltigkeit und zukünftige Wettbewerbsfähigkeit des deutschen und europäischen Wirtschaftsstandortes unverzichtbar – nicht umsonst zählt die „Nationale Industriestrategie 2030“ den 3D-Druck zu den Schlüsseltechnologien. Dabei ist 3D-Druck eine vergleichsweise
junge Technologie, mit viel Potenzial, sowohl in der breiten Anwendung in der Industrie als auch in der technologischen Weiterentwicklung. Deshalb brauchen wir ein koordiniertes und zielgerichtetes Vorgehen, bei dem Staat, Verbände und Unternehmen an einem Strang ziehen müssen, zum Beispiel in Form der Entwicklung
einer nationalen 3D-Druck-Strategie. 

 

Eine Hürde zur breiteren Anwendung betrifft die Fachkräfte: Damit Unternehmen das volle Potenzial des 3D-Drucks nutzen können, brauchen sie Mitarbeiter, die vom Design über die Herstellung bis hin zu neuen Geschäftsmodellen additive Herangehensweisen verinnerlicht haben und diese auch anwenden können. Denn der industrielle 3D-Druck unterscheidet sich deutlich von herkömmlichen Produktionsverfahren und erfordert fundamental andere Herangehensweisen. Mit unserer Additive Minds Academy bieten wir bereits entsprechende Trainingsprogramme
an. Doch um Deutschlands Spitzenplatz im Bereich Industrie 4.0 verteidigen zu können, müssen sich Staat und Wirtschaft noch mehr als bisher für den „Skill Shift“ engagieren. Das betrifft etwa die Förderung digitaler Lehrangebote in Schulen, Weiterbildungen, aber auch die Definition dezidierter Qualifikationen im Bereich additiver Fertigung. 

 

Auch beim Thema Forschung und Entwicklung sehe ich sowohl Unternehmen als auch den Staat in der Pflicht: Um die „digitale Fabrik der Zukunft“ zu gestalten, brauchen wir Grundlagenforschung auf Spitzenniveau und praktische Möglichkeiten, um Innovationen zu entwickeln und zu testen. Dies gilt für Systeme, Werkstoffe und Prozesse gleichermaßen und geschieht idealerweise durch Reallabore und Innovation Labs, die Forscher, Hersteller und Anwender miteinander vernetzen. Mit den daraus gewonnenen Erfahrungen sollte der Staat dann regulatorische
Barrieren für innovative Ansätze reduzieren (z.B. Standards und Zertifizierungen, die sich bisher nur an herkömmlichen Fertigungsprozessen orientieren).


Bei EOS arbeiten wir zum Beispiel daran, die Nachhaltigkeit der 3D-Druck-Technologie weiter zu verbessern. Ein enormer Fortschritt wären biobasierte und biologisch abbaubare oder zu 100 Prozent wiederverwertbare Kunststoffpulver. Solche Forschungsund Entwicklungsarbeit an Zukunfts- und Schlüsseltechnologien gilt es massiv auszubauen. Um entsprechende Investitionen anzuregen, muss die staatliche Förderpolitik schneller, agiler und vor
allem unbürokratischer werden. Zudem brauchen wir eine langfristige Perspektive für den Einsatz additiver Technologien, um den Unternehmen Planungs- und Investitionssicherheit zu geben. Dafür könnte zum Beispiel die Nationale Wasserstoffstrategie Pate stehen.


Gemeinsam mit unseren Partnern wollen wir den Wandel hin zu einer verantwortungsvollen Fertigung beschleunigen. Die nächste Bundesregierung hat die Chance, die Rahmenbedingungen für die Industriewende zu setzen und somit unseren Status als erfolgreiche Industrienation zu sichern.